Betrachtungen über Sünde, Hoffnung, Leid und den wahren Weg

Ein Käfig ging einen Vogel suchen.

Kafka und ich

12.07.22

Es war eine warme Augustnacht im Jahr 2021, als mich ein Freund zum ersten Mal in die Werke von Franz Kafka einführte. Wir beide tranken an jenem Abend sehr viele alkoholische Getränke, weshalb es wohl kaum verwundern sollte, dass unsere Gespräche über alle möglichen Themen glitten. Leider kann ich nicht mehr genau rezitieren, welche Aussage für die Erwähnung Kafkas verantwortlich war, allerdings erinnere ich mich noch gut genug daran, dass das Gespräch zu jenem Zeitpunkt sehr auf existentialistisches Gedankengut fokussiert war. Sinngemäß meinte er folgendes zu mir: ,,Emil, das alles erinnert mich so an Franz Kafka! Dieser Typ war einfach ein Schriftsteller, welcher mit nur 40 Jahren an Lungentuberkulose starb und sein ganzes Leben über dadurch gequält wurde, dass die Welt mit all ihren Normen und Regeln, deren Ursprung und Ursache niemand kennt, so unfassbar sinnlos ist! Er hat einfach eine Erzählung geschrieben, in welcher der Protagonist eines Morgens als ein Käfer aufwacht und sofort daran denken muss, wie er es denn nun pünktlich zur Arbeit schaffen soll!”

Am nächsten Morgen plagten mich nicht nur Kopfschmerzen von letzter Nacht, sondern auch jene Aussage. Diese kurze ,,Einführung” in Kafka überzeugte mich sehr, sodass ich umgehend Nachforschungen an ihm betrieb. Ich las noch am selben Tag seinen Wikipedia-Artikel und bestellte mir einige seiner Werke als gebundene Bücher, unter anderem Das Urteil, Die Verwandlung, sowie Der Process. Noch während ich seinen Wikipedia-Artikel las, umkam mich ein Gefühl, welches ich noch nie bei einem anderen Menschen zuvor empfand, denn ich fühlte mich verstanden.

Es wirkte so, als hätte Kafka all den Schmerz, all das Leid, welches ich zu diesem Zeitpunkt bereits zu Unmengen erlitten hatte, ebenfalls durchmachen müssen und es in seinen Schriften verarbeitet. Ich erkannte viele Parallelen zwischen uns beiden und diese Art der Verbundenheit mit ihm war es, welche mich an ihm und seinen Werken so unfassbar faszinierte.

Daher ist es wohl kaum verwunderlich, dass ich in den nächsten Monaten einige seiner Werke las, sofern meine Zeit es mir erlaubte. So las ich im Dezember 2021 unter anderem Der Process, welches definitiv eines der Bücher war, welches mein Leben entscheidend geprägt hat, denn mir wurde daraufhin die Absurdität unserer Gesellschaft, die Hoffnungslosigkeit der menschlichen Triebe sowie der Wille zum Leben (nach Schopenhauer) in jeder Alltagssituation deutlich. Das Leben begann sich für mich mehr und mehr zu einer Komödie zu verwandeln, in der die Sicherheit der meisten Menschen nur durch ihre Dummheit möglich ist.

Insbesondere erinnere ich mich noch an zwei konkrete Erfahrungen, welche ich kurz nach der ersten Lesung dieses Werkes machte und nun in den folgenden zwei Absätzen erzählen werde.

Die erste Erfahrung passierte an einer größeren Kreuzung in meiner Heimatstadt Braunschweig, als ich um 1 Uhr in der Nacht von der Wohnung eines Freundes zu mir nach Hause ging. Dabei stand ich an einer roten Fußgängerampel, während alles um mich herum komplett still war. Keine Autos, keine Fahrradfahrer und außer mir keine Menschenseele. Es war alles komplett leer und dennoch blieb ich, ohne großartig darüber nachzudenken, an dieser einen roten Ampel stehen, obwohl absolut kein Anlass dafür bestand, denn die gesamte Kreuzung war leer. Sofort überkam mich ein tiefes Gefühl der Dysphorie, denn ich merkte in diesem Moment zum ersten Mal, wie sehr ich ein Teil von dem Gericht bin, da ich blind eine Aktion ausführte, ohne mir über deren Ursachen im Klaren zu sein. Die Flüssigkeit, welche daraufhin mein Gesicht überströmte, schmeckte salzig.

Die zweite Erfahrung passierte wenig später in einer IKEA-Fialie. Der eigentliche Anlass für meinen Besuch bei IKEA ist eine Geschichte für ein anderes Mal, doch ich verspürte auch hier wieder dieses unangenehme Kafkaeske. Der Unterschied hier war allerdings, dass ich physisch nicht alleine war, sondern von hunderten von Menschen umgeben war und dementsprechend viel schockierter war, denn jeder anwesende Mensch lief auf blinde Art und Weise den Pfeilen hinterher ohne zu wissen, wo er sich denn überhaupt gerade befindet und warum er überhaupt blind diesen Pfeilen folgt. In diesem Moment verspürte ich seit langem wieder einmal ein Gefühl der Panik. Ein unangenehmes Gefühl der Panik.

Da ich nun sechs Wochen lang Unmengen an Freizeit haben werde, habe ich mich dazu entschieden, sämtliche Werke von Franz Kafka in folgender Reihenfolge zu lesen und meine Gedanken darüber zu teilen:

Die Romane

Die Erzählungen

Von Kafka veröffentlicht

Posthum veröffentlicht

Journalistische, essayistische und autobiographische Schriften

Die Aphorismen