Betrachtungen über Sünde, Hoffnung, Leid und den wahren Weg

Ein Käfig ging einen Vogel suchen.

Analyse zu Franz Kafkas ,,Betrachtung"

13.07.22

Vorwort

Der Sammelband Betrachtung, welcher von Franz Kafka geschrieben und Ende 1912 veröffentlicht wurde, enthält insgesamt 18 kurze Prosatexte, welche ich im Folgenden zu Analysieren versuche. Dabei möchte ich von Anfang an klarstellen, dass es sich hierbei um meine persönliche Meinung handelt, welche ohne viele Denken direkt nach dem Lesen entstand

Meine gesamte Analyse liegt der Deutungshypothese zu Grunde, dass Kafka jene Werke schrieb, um seine Einsamkeit zu bewältigen, unter welcher er offensichtlich litt. Diese Einsamkeit spiegelt sich nur zu gut in diesem Werk wieder und ich werde in den folgenden Absätzen dies (und weitere Gedanken, welche mir beim Lesen kamen) erörtern.

Analyse

Der Titel

Bevor ich mich der Analyse des ersten Prosatextes, Kinder auf der Landstraße, widmen werde, möchte ich noch einmal auf den Titel des Werkes eingehend und wie typisch dieser für meine, oben formulierte, Deutungshypothese ist. Einsamkeit zeichnet sich gerade so förmlich dadurch aus, dass man sich isoliert fühlt, dass man sich nicht dazugehörig fühlt, dass man sich danebenstehend fühlt, dass man sich wie ein passiver Betrachter fühlt. Während meiner ersten Episode der Einsamkeit, im November letzten Jahres, entsprach dies sehr meinen Gefühlen und Emotionen. Ich schrieb zu jener Zeit sogar selbst einmal eine Erzählung, in welcher der Protagonist sich eines Morgens komplett alleine auf der Erde vorfindet, da sich alle Menschen gegen ihn verschworen und ihn auf der Erde zurückgelassen hatten, während sie gerade allesamt dabei waren, eine bessere Gesellschaft, ohne ihn, auf dem Mars zu errichten. Vielleicht düngt es mir in Zukunft selbst einmal, jenes geschriebene Werk hier zu veröffentlichen, doch ich möchte mich nun wieder auf das ursprüngliche, von Kafka geschriebene, Werk zurückbesinnen.

Kinder auf der Landstraße

Kinder auf der Landstraße ist ein Werk, welches meines Erachtens nach Kritik an dem, auf dem Lande üblichen, Gemeinschaftsleben und dem daraus resultierenden Gruppenzwang übt. Der Erzähler ist in diesem Fall eine einsame Person, welche sich nicht dazugehörig fühlt, welche sich nicht wirklich als Teil von jener Gemeinschaft sieht, welche sich als außenstehend, betrachtet. Dies wird insbesondere daran deutlich, dass der Erzähler am Anfang alleine und eins mit seiner Umgebung ist und direkt nach seiner ,,Störung” durch einen ,,Freund” in ein Seufzen verfällt.1

Für mich macht dieser Umstand einen sehr autobiographischen Eindruck, da Kafka von seinem Umfeld immer als ein sehr introvertierter Mensch beschrieben wurde und ich gerade deshalb nur zu gut nachvollziehen kann, wie unfassbar Wertvoll und Schön das Alleinsein ist und wie schwer man doch nur manchmal in die Gesellschaft und der von ihr ausgeübten Zwänge hineinpasst, während man selbst am Liebsten doch etwas komplett anderes machen würde.

Bisher habe ich jene These allerdings nur anhand der Sicht des Erzählers erörtert, wobei ich dies jedoch nicht darauf einschränken will, da diese These eine Form der Allgemeingültigkeit, also für jeden Protagonisten dieser Erzählung, hat. Dies mache ich daran fest, dass die allgemeine Meinung über die Stadt im Süden die ist, dass die Menschen dort müde werden, da ihr Leben viel aufregender, viel besser und, aus der Sicht einer introvertierten Person, viel anonymer ist. Die Verwendung des Begriffes ,,Narren” von der Dorfbevölkerung über die Stadtbevölkerung hat meines Erachtens nach die Form einer psychologischen Abwehrfunktion (engl. coping mechanism), welche die Dorfbevölkerung verwendet, da sie im Eigentlichen neidisch auf die Stadtbevölkerung und ihrem Leichtsinn sowie ihrem augenscheinlich besserem Leben sind.

Entlarvung eines Bauernfängers

Als ich Entlarvung eines Bauernfängers zum ersten Mal las, war mir der Terminus Bauernfänger ein Fremdwort, sodass ich in jene Erzählung etwas anderes rein interpretiert habe, als vermutlich die Meisten meiner Leser.

Ich sehe den Bauernfänger in diesem Fall als einen vermeidlichen Liebespartner, dem man all seine Zuwendung, all seine Aufmerksamkeit, all seine Liebe schenkt, nur um dann herauszufinden, dass man aus jener Beziehung selber nichts herausbekommt und nur unnötige Energie in jene verschwendet.

Dies mache ich insbesondere daran deutlich, dass der Erzähler, nachdem er seinen Partner als einen Bauernfänger entlarvt, einen inneren Monolog über jene führt und dabei die bisherigen Erfahrungen mit ihnen Revue passieren lässt. Dabei stechen folgende Zitate deutlich hervor:

  1. ,,Und ich war doch schon Monate lang in dieser Stadt, hatte geglaubt, diese Bauernfänger durch und durch zu kennen […]”
  2. ,,Ich verstand sie doch so gut, sie waren ja meine ersten städtischen Bekannten in den kleinen Wirtshäusern gewesen, und ich verdankte ihnen den ersten Blick einer Unnachgiebigkeit […]”
  3. ,,Sie […] bereiteten uns zum Ersatz eine Wohnung in ihrer eigenen Brust […]”

Der plötzliche Spaziergang

Entschlüsse

Entschlüsse handelt ganz offensichtlich von der Thematik des Liebeskummers. Dies wird bereits in dem dritten Satz offensichtlich erkennbar.2 Bei jenem ,,Gefühl” handelt es sich ganz klar um Liebeskummer, da es ausgelöst wird, sobald A., B. und C. das Zimmer betreten. A., B. und C. sind in diesem Fall als eine Familie zu betrachten, wo A. das Kind darstellt, B. einen Elternteil und Ehepartner, sowie C. den anderen Elternteil und Ehepartner, für welchen der Erzähler allerdings große Gefühle empfindet.

Diese Deutungshypothese mache ich daran fest, dass A. stürmisch begrüßt wird, was auf den Versuch des Erzählers hindeutet, ein Kind zu unterhalten. Noch deutlicher wird es allerdings, dass B. nur geduldet wird, was daraufhin schließen lässt, dass der Erzähler in diesem Fall keine wirkliche Sympathie für diese Person empfindet und sie nur widerwillig in seiner Nähe haben möchte. B. ist somit das Übel, welches der Erzähler in Kauf nehmen muss, um mit A. und C. in Kontakt treten zu können. C. stellt hierbei nun das Objekt der Begierde, die Person, für welche der Erzähler Gefühle hat, dar. Dies mache ich an der Aussage fest, dass der Erzähler alles, was C. sagt, trotz Schmerz und Mühe mit langen Zügen in sich hineinfrisst.

Ebenfalls wird diese Deutungshypothese daran deutlich, dass der vorletzte Absatz beschreibt, wie sehr dem Erzähler die Lebensfreude genommen wurde, da er sich nun als schwere Masse verhält und somit eine große Menge an Apathie impliziert.

Der letzte Satz3 weißt ebenfalls eine sehr tiefsinnige Bedeutung auf. Er zeigt nämlich die Verknüpfung zwischen den komplexesten innerlichen Vorgängen mit den primitivsten äußeren Bewegungen auf. So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich große innerliche Prozesse, wie zum Beispiel Liebeskummer oder Selbsthass oft mir einem Über-das-Gesicht-Streicheln, einem Fingerknöchel-Knacken oder dem Vergießen einer Träne äußern.

Der Ausflug ins Gebirge

Der Ausflug ins Gebirge handelt über den Untergang der Persönlichkeit in einer größeren Menschenveranstaltung.

Dies mache ich auch hier an autobiographischen Elementen Kafkas fest, insbesondere seiner Introversion, welche dafür sorgte, dass er in kleinem Kreise lautstark und energisch seine Meinung preisgab, im großen Kreise allerdings verstummte.4

Des Weiteren lässt jene Erzählung noch eine weitere Deutungshypothese zu, nämlich dass es sich bei Niemand um Menschen handelt, mit welchen man sehr viel Zeit verbringt, sich allerdings nach all diesen Jahren dennoch nicht mehr als ,,Hallo!” sagen kann. Als Beispiel könnte man hier Klassenkameraden und Arbeitskollegen anbringen, mit welchen man teilweise Jahrzehnte in einem Zimmer sitzt, aber dennoch eine undurchdringbare Eisschicht zwischen einander hat.

Das Unglück des Junggesellen

Bei Das Unglück des Junggesellen ist insbesondere der letzte Satz sehr wichtig, was das Verstehen jener Erzählung betrifft.5

Die meisten Leser erkennen dort vermutlich eine Geste des Erzählers, welche Reue über sein eigenes Leben ausdrückt. Ich persönlich erkenne dort allerdings den Konflikt zwischen dem rationalen Kopf und dem emotionalen Körper. Schließlich heißt es ja, dass es sich um einen wirklichen Kopf handelt, also einer der denken kann und somit die Irrationalität, die nicht vorhandene Notwendigkeit, von einer Ehe, von einer Beziehung und von Kindern erkennt, allerdings dennoch seinem Körper unterliegt, welcher ihm evolutionsbedingt nur Schmerz verursacht, da er jene Umstände als Lebensnotwendig betrachtet, da nur so die Menschheit als solches überleben kann.

Der Kaufmann

Zerstreutes Hinausschaun

Der Nachhauseweg

Der Nachhauseweg handelt meines Erachtens nach über den psychologischen Abwehrmechanismus (engl. coping mechanism) bezüglich der Einsamkeit.

Dies wird einzig und allein durch den Aufbau des Textes deutlich, denn am Anfang, während der Erzähler auf den Straßen eines nicht näher definierten Ortes wandelt, schätzt er sich selber viel zu hoch ein, nur um beim Betreten seines Zuhauses wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen zu werden.

Die Vorüberlaufenden

Bei Die Vorüberlaufenden wird wieder einmal die Einsamkeit des Erzählers deutlich.

Diese These mache ich, wie in anderen Erzählungen des Werkes auch, an der Tatsache fest, dass einsame Menschen diejenigen sind, welche als erste Fehler in anderen sehen, welche als erste Menschen als böse und feindlich betrachten. Die Vorüberlaufenden stellt dort keine Ausnahme dar, da bereits im zweiten Satz feindselige Annahmen über sämtliche Protagonisten der Erzählung, mit Ausnahme des Erzählers, gemacht werden. So wird dem einen die Unschuld aufgezwungen und dem anderen Mord vorgeworfen, ohne dass sich der Erzähler dabei in einer Position befindet, ein Urteil fällen zu dürfen.

Der Fahrgast

Der Fahrgast stellt für mich den inneren Kampf mit einer Geschlechtsdyphorie dar, unter welcher der Erzähler leidet.

Der erste Ansatz für diese Deutung kam mir bereits beim Lesen des ersten Satzes.6 Dort wird bereits erkenntlich, wie sehr der Erzähler die Umstände verflucht bzw. hinterfragt, dass er im falschen Körper geboren wurde. Stellung stellt in diesem Kontext somit die Geschlechtsidentität dar, welche der Erzähler offensichtlich gerade überdenkt.

Die handfeste Beweis für jene These kommt allerdings ab dem zweiten Absatz, wenn der Erzähler von seinen Innensicht auf die Außensicht des Mädchen schwenkt, welche gerade eben in die Erzählung eingeführt wurde. Dort ist er sichtlich von ihren weiblichen Schönheitsmerkmalen, welche er an seinem eigenen Körper nicht vorfinden tut, angetan.

Abschließend fragt sich der Erzähler, dass das Mädchen nicht über sich selbst verwundert ist, was darauf schließen lässt, dass es den wenigsten Cis-Menschen bewusst ist, wie dankbar sie eigentlich dafür sein sollten, in dem ,,richtigen Körper” geboren zu sein.

Kleider

Kleider ist eine Kritik von Kafka an Menschen, die ihre gesamte Existenz, ihr gesamtes Glück und all ihre Persönlichkeit an ihrer Kleidung festmachen und dabei von Modetrend zu Modetrend hüpfen und ihre eigentliche Identität dabei voll und ganz verlieren.

Diese These mache ich an dem Nebensatz des zweiten Satzes deutlich.7 Dort berichtet der Erzähler über die daraus entstehende Monotonität des Lebens und der Tatsache, dass dieses Leben zu absolut keiner Abwechselung führen kann.

Ebenfalls bietet der letzte Satz der Erzählung noch einiges an Deutungsmaterial.8 Ich sehe darin eine Referenz an die menschliche Gier nach mehr, dem nicht zufriedenstellenden Durst, unter dem jeder von uns leidet. Dem aufkommen und verschwinden der Modetrends, welche alle nur passieren, um unsere inneren Gelüste nach diesem Mehr zu befriedigen.

Die Abweisung

Die Abweisung ist ein sehr gutes Beispiel für den psychologischen Vorgang einer Person, welcher stattfinden, sobald eine Abweisung vom begehrten Geschlecht empfängt.

Dies wird insbesondere daran deutlich, dass der Erzähler, nachdem er die Gedanken von dem schönen Mädchen ohne fundierte Beweise deutet, selbst Kritik an ihr übt, was darauf schließen lässt, dass es sich hierbei wieder einmal um eine psychologische Abwehrfunktion (engl. coping mechanism) handelt, da der Erzähler vermutlich Sorge hat, in eine Form des Selbsthasses zu fallen und sich sein Objekt der Begierde daher gezielt schlecht redet, um jenen Umstand als etwas positives zu betrachten.

Zum Nachdenken für Herrenreiter

Zum Nachdenken an Herrenreiter lässt sich ganz offensichtlich als eine Hommage an Kafkas Vater, Hermann Kafka, verstehen, da dieser sein ganzes Leben über ein sehr kompetitiver Mensch war, sich von der untersten gesellschaftlichen Ebene zur Elite Prags hocharbeitete und für den das Gewinnen den Lebensmittelpunkt in allen Bereichen darstellte.

Das Gassenfenster

Wunsch, Indianer zu werden

Die Erzählung, Wunsch, Indianer zu werden, stellt die Unabhängigkeit der menschlichen Existenz und die Notwendigkeit, dass man einzig und alleine sich selbst braucht, um glücklich zu sein, dar.

Diese These mache ich daran deutlich, dass die Zügel und die Sporen als eine Form der gesellschaftlichen Zwänge auf das Individuum betrachtet werden können. Schlussendlich sind beide Gegenstände ja dazu dar, um Lebewesen zu trimmen und zum Gehorchen zu bringen. Ein Indianer ist in diesem Fall frei von jenen Gegenständen, denn er braucht sie nicht, um sein Leben zu führen.

Das Pferd stellt in dieser Erzählung einen Freund bzw. einen Partner dar, auf welchen man ebenfalls verzichten kann, da man alle Bedürfnisse, welche man aus einer Beziehung erhält (Sexualität, Sicherheit, Geborgenheit, …) sich auch selbst erfüllen kann.

Der Text hat gerade deshalb auch etwas autobiographisches an sich, da sich Kafka selbst oftmals der Situation ausgesetzt war, alleine zu sein und vermutlich auch einige Mechanismen entwickelt hat, um dieses Alleinsein sich nicht in Einsamkeit verwandeln zu lassen.

Die Bäume

Die Bäume zeigt die scheinbare Verwurzelung eines Menschen in all seinen Lebensbereichen. Möchte man versuchen, einen Menschen zu einer Änderung zu bringen, so erhält man in den meisten Fällen nur teilnahmslose Ausreden, welche sich allesamt auf jene scheinbare Verwurzelung zurückführen lassen. Doch in Wahrheit ist der Mensch frei, er möchte seinen Zwang zur Freiheit allerdings oftmals nicht wahr haben.

Unglücklichsein

Fazit


  1. ,,Sprang dann einer über die Fensterbrüstung und meldete, die anderen seinen schon vor dem Haus, so stand ich freilich seufzend auf.” 

  2. ,,Arbeite jedem Gefühl entgegen, […]” 

  3. ,,Eine charakteristische Bewegung eines solchen Zustandes ist das Hinfahren des kleinen Fingers über die Augenbrauen.” 

  4. Max Brod: ,,Er war, wenn man mit ihm allein war oder in einem kleinen Kreis, von einer bezaubernden Witzigkeit und Spritzigkeit, aber in großer Gesellschaft verstummte er, aber unter vier Augen oder in unserem kleinen Kreis von vier Menschen, also unter acht Augen, war er sehr lebhaft und auch aggressiv wenn ihm etwas nicht gefiel, so nahm er kein Blatt vor den Mund.” 

  5. ,,So wird es sein, nur daß man auch in Wirklichkeit heute und später selbst dastehen wird, mit einem Körper und einem wirklichen Kopf, also auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen.” 

  6. ,,Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie.” 

  7. ,,[…] immer das gleiche Gesicht in die gleichen Handflächen legen und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen.” 

  8. ,,Nur manchmal am Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel abgenützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehn und kaum mehr tragbar.”